Autismuswelt Magazin

Informationen und Erfahrungen rund um Autismus und die Vergabe des Grades der Behinderung (GdB).

Gesine Köhlmann

Wenn Gleiches nicht dasselbe ist

27.07.2026 | Autismus | 0 Kommentare

Warum ähnliche Erfahrungen nicht dieselbe Lebensrealität bedeuten

Der Supermarkt ist voll. Einkaufswagen stehen kreuz und quer, Menschen unterhalten sich, Kinder rennen durch die Gänge, aus den Lautsprechern läuft Musik. An der Kasse bildet sich eine lange Schlange.

Die meisten Menschen würden wahrscheinlich sagen: „Ganz schön anstrengend.“ Sie kaufen trotzdem ein, verlassen den Laden und der Alltag geht weiter. Für manche Menschen endet derselbe Einkauf jedoch, bevor er überhaupt begonnen hat. Nicht, weil sie keine Lust haben oder ungeduldig sind. Sondern weil das Nervensystem die Vielzahl an Reizen nicht mehr regulieren kann. Der Einkaufswagen bleibt stehen, der Laden wird verlassen, oft erschöpft, manchmal mit einem Overload oder dem Bedürfnis, sich für den Rest des Tages zurückzuziehen.

Von außen sieht beides ähnlich aus. Von innen ist es etwas völlig anderes. Und genau hier beginnt ein Missverständnis, das autistische Menschen im Alltag immer wieder erleben. Wenn sie erzählen, dass ihnen Menschenmengen schwerfallen, sie feste Strukturen brauchen oder nach einem Schultag völlig erschöpft sind, hören sie häufig Sätze wie:

„Das kenne ich auch.“
„Ich mag auch keine Menschenmengen.“
„Ein lautes Klassenzimmer finde ich ebenfalls anstrengend.“
„Ich brauche auch Ordnung.“

Oft steckt dahinter der Wunsch, Verständnis zu zeigen und Gemeinsamkeiten herzustellen. Und tatsächlich haben diese Aussagen einen wahren Kern. Denn viele Belastungen, über die autistische Menschen sprechen, sind keine ausschließlich autistischen Erfahrungen. Fast jeder Mensch empfindet einen überfüllten Supermarkt, eine lange Warteschlange oder einen hohen Geräuschpegel irgendwann als anstrengend. Ebenso geben klare Strukturen, verlässliche Abläufe und Orientierung den meisten Menschen Sicherheit.

Denn diese Bedürfnisse sind keine autistischen Bedürfnisse. Sie sind menschliche Bedürfnisse.

Der entscheidende Unterschied liegt häufig nicht darin, ob etwas belastend ist, sondern wie stark, wie dauerhaft und mit welchen Folgen diese Belastung erlebt wird.

Eine volle Einkaufspassage kann für den einen unangenehm sein. Für einen anderen wird sie zur unüberwindbaren Hürde.

Ein lautes Klassenzimmer kann die Konzentration aller Schülerinnen und Schüler erschweren. Für  autistische Schülerinnen und Schüler kann dieselbe Situation jedoch dazu führen, dass die gesamte Energie bereits am Vormittag aufgebraucht ist. Was für andere „anstrengend“ ist, endet für sie möglicherweise darin, dass der restliche Schultag nicht mehr bewältigt werden kann.

Die Situation ist dieselbe. Die Auswirkungen sind es nicht.

Interessanterweise bestätigt genau das auch das Forschungsprojekt schAUT. Die Studie zeigte, dass autistische und nicht-autistische Schülerinnen und Schüler viele Belastungen im Schulalltag ähnlich benennen: Lärm, unklare Abläufe, soziale Konflikte oder fehlende Rückzugsmöglichkeiten werden von nahezu allen als belastend erlebt. Der Unterschied lag jedoch darin, welche Folgen diese Belastungen hatten. Während viele nicht-autistische Schülerinnen und Schüler diese Anforderungen kompensieren konnten, führten sie bei autistischen Schülerinnen und Schülern deutlich häufiger zu Einschränkungen der Selbstregulation, des Lernens und der Teilhabe.

Diese Erkenntnis ist wichtig. Denn in den vergangenen Jahren entsteht zunehmend der Eindruck, dass einzelne autistische Merkmale mit alltäglichen Eigenheiten gleichgesetzt werden.

„Vielleicht bin ich ja auch ein bisschen autistisch.“
„Ich brauche schließlich auch Ordnung.“
„Mir fällt Veränderung ebenfalls schwer.“

Solche Aussagen sind meist nicht abwertend gemeint. Häufig versuchen Menschen, ihre eigenen Erfahrungen mit denen anderer zu verbinden oder sich selbst besser zu verstehen. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass dadurch die tatsächliche Lebensrealität autistischer Menschen ungewollt relativiert wird.

Zwischen einer Vorliebe für Ordnung und einer existenziellen Notwendigkeit von Struktur besteht ein Unterschied. Zwischen der Aussage „Ich mag keine Menschenmengen“ und der Erfahrung, einen Ort aufgrund sensorischer Überlastung gar nicht erst betreten zu können, ebenfalls. Ebenso macht es einen Unterschied, ob ein Kind ein lautes Klassenzimmer als störend empfindet oder ob diese Reizbelastung dazu führt, dass am Nachmittag keine Energie mehr für Hausaufgaben, Hobbys oder soziale Kontakte vorhanden ist.

Der Leidensdruck entsteht häufig nicht durch die einzelne Situation, sondern durch ihre Summe. Durch die tägliche Wiederholung. Durch die notwendige Anpassung. Durch ein Nervensystem, das dauerhaft mehr Energie aufbringen muss, um den Alltag zu bewältigen.

In der Diagnostik geht es deshalb nicht darum, ob einzelne Merkmale vorhanden sind. Viele Verhaltensweisen oder Bedürfnisse finden sich auch bei neurotypischen Menschen. Entscheidend sind ihre Intensität, ihre Häufigkeit, ihr Zusammenspiel und vor allem ihre Auswirkungen auf den Alltag und die gesellschaftliche Teilhabe.

Vielleicht liegt genau hier der Grund, warum Autismus heute manchmal schwer einzuordnen scheint. Je mehr Wissen über Autismus verfügbar wird, desto mehr Menschen erkennen einzelne Aspekte bei sich selbst wieder. Das ist zunächst einmal etwas Positives. Es zeigt, dass viele Bedürfnisse universell sind und dass psychische Gesundheit zunehmend Thema wird.

Problematisch wird es jedoch dann, wenn aus einzelnen Überschneidungen die Schlussfolgerung entsteht, die Belastungen seien gleich. Denn ähnliche Erfahrungen bedeuten nicht automatisch dieselbe Lebensrealität.

Entscheidend ist nicht die Frage, ob andere Menschen ähnliche Situationen ebenfalls als belastend erleben, sondern welche Folgen diese Belastungen für den einzelnen Menschen haben. Denn dieselbe Situation kann von zwei Menschen völlig unterschiedlich erlebt werden. Wer diesen Unterschied berücksichtigt, muss Belastungen nicht gegeneinander aufwiegen. Dann können Gemeinsamkeiten bestehen bleiben, ohne die Lebensrealität des anderen zu relativieren.

Quellen

Hümpfer-Gerhards, L. et al. (2026). Reducing Barriers in Neurodiverse Schools – schAUT: A Program to Identify and Reduce Barriers for Autistic and All Students. Behavioral Sciences, 16(6), 949.

Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Barrieren in der Schule abbauen – So können sich autistische Kinder in der Schule wohler fühlen und besser lernen.
https://www.empirische-bildungsforschung-bmbfsfj.de/de/Barrieren-in-der-Schule-abbauen-2571.html

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Gesine Köhlmann

Gesine Köhlmann verfügt über langjährige praktische Erfahrung im schulischen Kontext sowie in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum. In ihren Beiträgen bereitet sie Themen wie schulische Anforderungen, Alltagsherausforderungen und strukturelle Rahmenbedingungen verständlich und systematisch auf. Ziel ist es, Betroffenen und Angehörigen eine sachliche Orientierung und hilfreiche Einordnung komplexer Zusammenhänge zu bieten.